Die grundlegende Ausgangslage für EUR/USD bleibt höchst widersprüchlich, da die geopolitische Entwicklung ihre Linearität verloren hat. Bis zum gestrigen Handelsschluss erwartete der Markt entweder eine Wiederaufnahme der Feindseligkeiten im Nahen Osten oder den Beginn einer zweiten Verhandlungsrunde zwischen den USA und dem Iran. Letztlich trat jedoch keines von beiden ein. Infolge dieser Halbherzigkeit befinden sich EUR/USD-Händler erneut in einer Art Schwebezustand.
Entgegen den optimistischen, von mehreren US-Medien verbreiteten Berichten hat jedoch keine neue Gesprächsrunde zwischen Washington und Teheran stattgefunden. Die iranische Delegation sagte ihre geplante Teilnahme an den Gesprächen in Islamabad in letzter Minute ab. Teheran warf den Amerikanern vor, die Bedingungen der befristeten Waffenruhe verletzt zu haben. So erklärte etwa der iranische Außenminister Abbas Araghchi, dass die anhaltende US-Blockade der iranischen Häfen einen Kriegsakt darstelle. Nach dem Ausstieg Irans sagte auch der US-Vizepräsident J. D. Vance seine Reise nach Pakistan ab.
Als Reaktion auf diese enttäuschenden Schlagzeilen fiel EUR/USD auf 1,1720. Wichtig ist dabei, dass die Trader den Bereich der 1,17-Marke nicht verlassen haben und das Währungspaar den Handelstag bei 1,1743 beendete. Heute bewegt sich das Paar in einer Spanne von 1,1740–1,1760.
Wie wir sehen, halten die Marktteilnehmer trotz aller Widrigkeiten an der Hoffnung auf eine Wiederaufnahme des diplomatischen Prozesses fest, und gewisse Voraussetzungen dafür sind tatsächlich vorhanden.
So halten beide Seiten trotz der diplomatischen Sackgasse formal an einer Waffenruhe fest. Gestern Abend kündigte Donald Trump eine Verlängerung der befristeten Feuerpause an, die heute hätte auslaufen sollen. Der Präsident der Vereinigten Staaten begründete die Verlängerung mit einer Bitte Pakistans, Teheran die Möglichkeit zu geben, interne Differenzen beizulegen und eigene Gegenangebote für eine friedliche Lösung vorzulegen.
Bemerkenswert ist, dass der Iran gegen diesen Schritt keinen Einspruch erhoben hat.
Gleichzeitig betonte Trump ausdrücklich, dass die Seeblockade der iranischen Häfen in Kraft bleibe und die US-Streitkräfte in voller Gefechtsbereitschaft verharren würden.
Mit anderen Worten: Die Lage hängt erneut am seidenen Faden. Die Waffenruhe ist de facto verlängert, aber das Fehlen eines direkten Dialogs in Pakistan und die fortgesetzte Blockade der Häfen erhöhen das Risiko einer Wiederaufnahme aktiver Kampfhandlungen in den kommenden Tagen deutlich. Zudem berichtet Axios, dass das Weiße Haus den konkurrierenden iranischen Fraktionen nur ein sehr kurzes Zeitfenster von bis zu fünf Tagen eingeräumt hat, um sich auf einen gemeinsamen Gegenvorschlag zu einigen. Die Verlängerung bedeutet also keineswegs eine unbegrenzte Waffenruhe, sondern vielmehr ein kurzes Zeitfenster zur Einigung. Axios-Insider betonen dennoch, dass das US-Verhandlungsteam weiterhin davon überzeugt ist, dass eine Einigung über ein Kriegsende und die Zukunft des iranischen Atomprogramms erreichbar bleibt.
Auf der anderen Seite baut das US-Militär seine Präsenz im Nahen Osten weiter aus. So nähert sich nun ein dritter Flugzeugträger, die USS George H.W. Bush, der Region – begleitet von drei Zerstörern und Tausenden US-Soldaten. Experten sprechen bereits vom größten US-Flottenaufmarsch seit dem Irakkrieg 2003.
Vor dem Hintergrund eines derart widersprüchlichen fundamentalen Umfelds erscheint die Vorsicht der EUR/USD-Trader logisch und gut begründet. Jederzeit kann sich die Waage entweder in Richtung Deeskalation oder in Richtung weiterer Eskalation neigen. Zumal die von Trump verkündete Waffenruhe faktisch nun ohne festes Enddatum ist und jederzeit beendet werden kann.
Aus diesem Grund ignorieren Trader derzeit makroökonomische Signale, obwohl die gestrigen Daten eher den Dollar als den Euro stützten. So fielen etwa die ZEW-Indizes deutlich schlechter aus als erwartet und spiegeln eine Eintrübung der Geschäftsstimmung sowohl in Deutschland (−17,2 Punkte) als auch im Euroraum (−20,4 Punkte) wider. Der Indikator für die aktuelle Lage in Deutschland stürzte auf −73,7 ab – den schlechtesten Wert seit Ende 2022 – und verdeutlicht die Sorge der Unternehmen vor einer langfristigen Energieknappheit.
Zugleich wurden die gestern veröffentlichten US-Einzelhandelsumsätze positiv aufgenommen. Die gesamten Einzelhandelsumsätze stiegen im März um 1,7 % (Prognose 1,4 %) nach einem Plus von 0,7 % im Vormonat. Ohne Autoabsatz legten die Einzelhandelsumsätze um 1,9 % zu (Prognose 1,4 %).
Einige Analysten verweisen jedoch auf einen Vorzieheffekt: Angesichts der sich beschleunigenden Inflation begannen US-Konsumenten, Waren auf Vorrat zu kaufen, aus Angst vor steigenden Preisen und Lieferengpässen. Das könnte im kommenden Quartal einen deutlichen Nachfrageeinbruch nach sich ziehen. Aus diesem Grund reagierten Marktteilnehmer auf die starken Überschriftenzahlen eher verhalten.
Zusammengefasst sind EUR/USD-Trader erneut in einer Seitwärtsbewegung gefangen, und sowohl Käufer als auch Verkäufer scheuen vor dem Eingehen großer Positionen zurück – vor dem Hintergrund anhaltender Spannungen und Unsicherheit im Nahen Osten. Die aktive Handelsspanne für EUR/USD hat sich auf 20 Punkte verengt, doch die „Feder der Erwartungen“ kann sich jederzeit lösen, etwa wenn Teheran Gespräften zustimmt oder Trump eine Wiederaufnahme der Kampfhandlungen verkündet. Angesichts dieser bifurkierten Ausgangslage erscheint es derzeit sinnvoll, bei EUR/USD eine abwartende Haltung einzunehmen.
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